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Aus Wissensmanagement
Expertenmeinung zu noch offenen Fragestellungen
Fragen zum persönlichen Wissensmanagement beantwortet durch Prof. Dr. Gabi Reinmann, Universität Augsburg
Portal für Persönliches Wissensmanagement
Warum werden in den deutschsprachigen Publikationen zum (persönlichen) Wissensmanagement kaum internationale Quellen zitiert. Gibt es da kaum Forschungen auf diesem Gebiet oder was könnte der Grund sein?
Ja, das ist eine gute Frage!! Also doch, es gibt schon genug englischsprachige Autoren, die sich mit „personal knowledge management“ (PKM) beschäftigen, allerdings dummerweise unter diesem Label oftmals eher populärwissenschaftlich und auf mehr oder weniger überzeugenden Web-Seiten und Blogs. Sobald Sie aber einzelne Themen oder Aspekte zu PKM anschauen, kann man natürlich jederzeit zu jedem Teilgebiet auch englischsprachige Literatur finden (z.B. Kommunikationsthemen, Visualisierungsthemen etc.). Es ist in unserem Buch teils Zufall, teils aber auch der Versuch, ein möglichst breites Publikum (z.B. auch Lehrer)anzusprechen, wo es sich nicht so bewährt, vorrangig englischsprachige Literatur zu zitieren bzw. solche zu empfehlen.
Macht es Sinn, Methoden des persönlichen Wissensmanagements nach Modellen zu kategorisieren, welche eigentlich für Organisationen (Wirtschaft) geschaffen sind?
Auf jeden Fall kann es sinnvoll sein, sich Gedanken darüber zu machen, wie Maßnahmen für das organisationale Wissensmanagement das persönliche Wissensmanagement fördern können und vice versa. Wenn man dem zustimmt, ist es auch einen Versuch wert, z.B. typische Prozesse des PWM, von mir aus auch einzelne Methoden, zu Modellen in Bezug zu setzen, die primär die Organisation (und nicht die Person) im Blick haben. Das aber ist nur aus dem genannten praktischen Grund meines Erachtens empfehlenswert. Wenn es Ihnen um die theoretische Erörterung und um das Verstehen von personalen Wissensprozessen geht, braucht man auch ein genuin psychologisches Modell.
Nach welchen Kriterien wählt man z.B. eine von 10 Portfolio-Methoden aus?
Nun weiß ich leider nicht, welches die von Ihnen gemeinten 10 Portfolio-Methoden sind. Ich finde es bei Methoden generell wichtiger, die Grundidee und das tragende Prinzip zu kennen. Verschiedene Varianten sind meist nur künstlich voneinander getrennt, damit Autoren auch mal was Neues erfinden können ;-). Meist – so auch bei Portfolios – handelt es sich schlicht um verschiedene Varianten und letztlich gibt es so viele Varianten wie es Nutzer gibt, denn: Die besten PWM-Methoden, und das gilt auch für Portfolio-Methoden im Besonderen, sind die, die den aktuellen Bedarf und die individuellen Bedürfnisse decken. Eine gute Auswahl kann nur treffen, wer sein Problem und anstehende Herausforderung einschließlich der ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen präzise einschätzen kann und ausreichend Informationen über die Alternativen hat. Das wäre denn auch meine Antwort auf die Frage – nur so (Diagnosekompetenz und Informationstransparenz) kann man zufriedenstellende Entscheidungen über die Wahl einer Methode treffen.
Welches sind die bedeutendsten Schwierigkeiten vom PWM? Wie können diese gemeistert werden?
Also ich kann Ihnen da jetzt leider nicht mit empirisch fundierten Aussagen antworten. Ich kann jetzt nur (begründete) Annahmen formulieren: Ich nehme an, dass im Falle eines Scheiterns von PWM (wobei zu klären wäre, wann genau man davon sprechen will), vor allem emotional-motivationale Gründe vorliegen. PWM gehört zu den Aufgaben, die man selbstorganisiert vollbringen muss und das heißt dann auch, dass man sich selbst motivieren muss,dass man Selbstdisziplin und einen starken Willen braucht, etwas in seinen Arbeitsroutinen zu verändern. Wie schwer das ist, weiß sicher jeder von uns. Von daher funktioniert PWM wohl nur, wenn man ein echtes Problem oder Bedürfnis hat, das einen antreibt. Ein weiterer Grund können natürlich ungünstige äußere Bedingungen sein: Wer in einer Organisation arbeitet oder einen Arbeitsplatz hat, wo Freiräume fehlen oder keine Wertschätzung für effektive und effiziente Wissensarbeit vorhanden ist, der könnte PWM quasi nur in seiner Freizeit praktizieren und das ist unlogisch und eher unwahrscheinlich. Schlechte Rahmenbedingungen sind also durchaus eine mögliche Ursache für das Scheitern und die kann man leider oft genug nicht selbst oder allein ändern. Dagegen glaube ich nicht, dass kognitive oder technische Fertigkeiten eine große Rolle beim potenziellen Scheitern von PWM spielen, denn: Man braucht nicht zwingend technische Werkzeuge, obschon sie mitunter natürlich ausgesprochen nützlich, aber wenn dann inzwischen schon so überschaubar sind, dass kaum mehr jemand ernsthaft über technische Hürden stolpert (jedenfalls im Rahmen des PWM). Und man muss ja nicht die komplexesten Methoden wählen: Schon mit einfachen Maßnahmen kann man mitunter viel bewirken.
Was ist der Grund, dass das Thema PWM sowie die Vorstellung, Training und Nutzung von entsprechenden Methoden/Tools (z.B. zur persönlichen Zielfindung, Visualisierung, Mapping, Lermethoden) bisher so wenig in Schulen gelehrt werden (Frage eines Nicht-Lehrers mit zwei kleinen Kindern)? Das wäre doch das Allerwichtigste; die Problematik ist seit Jahrzehnten bekannt und müsste doch am Anfang stehen (Bsp. Schräder-Naef 1970, Rationeller lernen). Ich ergänze an der Stelle die Frage, die weiter unten kam: Soll PWM in Schulen eingeführt werden?
Ja, nun, das frage ich mich auch oft, warum man in der Schule so wenig lernt, was in Richtung Metakognition, Problemlösen und Lernstrategien geht. Ich habe selbst einen Sohn, der bald 15 Jahre alt wird, und er tut sich trotz meiner (oft erfolglosen ;-)) Coaching-Versuche sehr schwer, selbstorganisiert zu arbeiten, denn in der Schule selbst spielt das leider so gut wie keine Rolle. Und wenn, dann gibt es mal einen Aktionstag oder ein Schulpsychologe erzählt etwas, worüber sich dann alle nur kaputt lachen. Doch niemand integriert das „Lernen lernen“ einschließlich der dazugehörigen Strategien im Umgang mit Information und dem eigenen Wissen (also PWM) in den Schulalltag – weil es eben die Lehrenden selbst in der Regel auch nicht gelernt haben. Da hätten wir dann also schon einen Grund: Die Lehrenden sind wohl weitgehend hilflos, was dieses Thema betrifft, jedenfalls die Mehrheit. Sie werden darin weder aus- noch fortgebildet! Ein weiterer Grund ist sicher auch der Zeitmangel: Die meisten Curricula, vor allem in höheren Schulen, sind so voll mit Lehrstoff, dass meist keine Chance bleibt, im 45-Minuten-Takt auch noch PWM (oder wie immer man es dann nennen sollte) zu praktizieren. Man sieht z.B. in Notebook-Klassen, dass sich der Unterricht in eine Richtung ändert, die Ansätze von PWM erkennen lassen (also mehr eigene Recherchen, mehr Austausch, mehr Problemlösen etc.), was dann aber auch meist Modell-Klassen sind, die die alte Unterrichtsstruktur auch aufweichen. Ob es eine Lösung wäre, „PWM in Schulen einzuführen“ wie die Einführung eines neuen Fachs, das glaube ich nicht! Dann müsste man auch Medienkompetenzförderung u.ä. als eigenes Fach einführen und das ist alles letztlich sinnlos. Ich meine, man muss da bei den Lehrenden ansetzen: Sie müssen das können, sie müssen es internalisiert haben, wie man mit Medien, Information und Wissen verantwortungsvoll und geschickt umgeht, und dann müssen sie das im Unterricht einfließen lassen, Vorbild sein etc. Dazu brauchen sie Wissen und Können, aber auch Freiräume und Vertrauensvorschuss. In Deutschland zumindest sind wir davon noch weit entfernt!
Welche Instrumente wurden von Reinmann/Eppler als "untauglich" eingestuft und daher nicht in ihrem Buch aufgenommen?
Oh, da bin ich jetzt ein wenig überfragt, zumindest was die kognitiven Methoden betreffen, da der größte Part des Methodenteils von Herrn Eppler stammt (auch wenn wir dann gemeinsam geschrieben haben), während die Theoriegrundlage und die psychologischen Aspekte gegen Ende des Buches eher von mir stammen. Also ich z.B. habe sämtliche Motivations-Techniken als „Methoden“ aus dem Buch verbannt und das Thema Emotion/Motivation lieber nach den Methoden als Reflexionsgrundlage platziert. Warum? Weil ich meine, dass man (noch) weniger als bei kognitiven Herausforderungen die eigene Motivation oder gar eigene Gefühle einüben, „überlisten“ oder in gewisser Weise mechanistisch damit umgehen kann. In verschiedenen populärwissenschaftlichen Büchern wird da dummes Zeug erzählt und es werden falsche Dinge versprochen. Genau solche Methoden haben wir als „untauglich“ eingestuft. Wie auch an anderer Stelle erwähnt, war es uns wichtiger, eine überschaubare Anzahl möglichst trennscharfer Methoden anzubieten, statt ein lange Liste mit Methoden, die zum einen gar keinen Methodenstatus haben und zum anderen nur kleinere Abwandlungen bereits bekannter Methoden sind (indem sie eine neue oder bunterer Vorlage oder einen fantasiereicheren Namen haben).
Wo bleibt die Bildung, wenn WM kommt?
Wir haben das Thema PWM sehr pragmatisch aufgezogen: Es gibt Überforderung vor allem durch zu viel Information, zu wenig Zeit und dann fehlen auch noch hilfreiche Strategien im Alltag. Wenn Sie im Hinblick auf solche Bedarfssituationen mit „Bildung“ anfangen, hört die Mehrwert weg – zu kompliziert, zu hochtrabend. Mir persönlich ist das Thema Bildung sehr wichtig, weil ich glaube, dass dies das einzige ist, was unsere Gesellschaft (und nicht nur die, sondern natürlich alle Gesellschaften) am weitesten bringt. Ich bin da aber nicht ideologisch und ich habe (sofern ich mich dabei nicht verleugnen muss) kein Problem, Begriffe zu verwenden, bei denen ich mir sicher sein kann, dass sie im Moment besser erhört werden ;-). Ich denke, Sie finden auch im Buch zum PWM kleine Hinwiese auf Bildung: Dazu gehört z.B. das kritische Denken, das Argumentieren können, das Fragen können. „Versteckt“ in Management-relevanten Begriffen finden Sie das z.B. in einigen Methoden. PWM-Methoden können der Bildung also quasi „zuarbeiten“, ohne dass man es so bezeichnen muss. Gegen Ende des Buches merken Sie, dass man natürlich auch andere Sichtweisen anlegen kann, was wir aber aufgrund der oben genannten Zielgruppe eher klein gehalten haben. Das wäre jetzt eine Antwort bezogen darauf, wie ich bzw. wie wir das Thema PWM und Bildung angehen. Wenn man das jetzt mal aus dem Blickwinkel von Organisationen in der Wirtschaft betrachtet, dann muss man sagen: Es ist sicher nicht Aufgabe der Wirtschaft für Bildung zu sorgen, sondern da wird man allenfalls Qualifikationen aufbauen, die man brauchen kann. Das ist in der Wirtschaft aus meiner Sicht auch legitim. Umso wichtiger ist es, der allgegenwärtigen Ökonomisierung Einhalt zu gebieten, denn sonst passiert es in der Tat, dass Bildung verdrängt oder als nicht wichtig angesehen oder im Sinne ökonomischer Ziele definiert und umgesetzt wird (was man ja mancherorts auch schon erkennen kann).
Wo und wie kann man PWM von Lerntechniken abgrenzen?
Eine Abgrenzung ist im Prinzip nur in Bezug auf die Ziele möglich: Sich Lernstoff für eine Prüfung aneignen, ist kein PWM. Trotzdem kann ich beim Lernen auf eine Prüfung z.B. Concept Mapping und die SQ3R-Methode anwenden – also genau zwei Methoden, die wir auch als Methoden für das PWM empfehlen, nämlich um sich z.B. in kurzer Zeit mit einem neuen Thema vertraut zu machen, zu dem man einen Workshop o.ä. machen soll oder das sich plötzlich als relevant für die eigene Arbeitstätigkeit erweist. Lernstrategien oder -techniken ebenso wie Kreativitäts- und Problemlösetechniken sowie allem voran die Erkenntnisse der Metakognitionsforschung sind alle potenziell für das PWM interessant: PWM bzw. PWM-Autoren erfinden selten wirklich neue Methoden; vielmehr grenzt man mit PWM typische Situationen im Kontext der Wissensarbeit ein, fokussiert spezielle Probleme und hilft dabei, diese Situationen zu analysieren und nach Lösungen zu suchen. Es ist eher ein Ansatz zur „Rahmung“ einer Herausforderung und zur Integration bestehender psychologischer Erkenntnisse und Methoden.
Gibt es Forschungsergebnisse über den Nutzen und die Wirksamkeit von PWM oder ist die Disziplin dafür noch zu jung?
Nein, gibt es in der Form, wie wir es vertreten nicht, aber es gibt viel Forschung aus der oben schon kurz genannten Lernstrategie-, Problemlöse- und Metakognitionsforschung (als Überblick zu empfehlen: Mandl, H. & Friedrich, H. F. (Hrsg.) (2006). Lernstrategien. Göttingen: Hogrefe). Dazu kommen z.B. Herrn Epplers Forschungen zur Visualisierung. Das trifft aber natürlich Fragen des PWM nicht ganz, denn das Besondere an diesem Ansatz liegt ja in der Integration verschiedener Forschungsrichtungen und deren Anwendung auf typische und aktuelle Probleme im Kontext der Wissensarbeit. Ihre Frage ist daher berechtigt und meine Antwort deutet darauf hin, dass wir in diesem Bereich noch wenig wissen, vor allem wenn es darum geht, PWM an sich und nicht nur einzelne Methoden im Blick zu haben. Genau das aber macht es für eine empirische Überprüfung auch wieder sehr schwer! Ist also ein bisschen eine Dilemma-Situation!
Warum werden Tools zum konkreten Lernen, Erinnern oder Gedächtnistraining kaum erwähnt (oder auch z.B. der Bereich eLearning)?
Einige typische Lernstrategien sind durchaus integriert: Lesestrategien wie SQ3R kann man z.B. genauso dazu zählen wie das Concept Mapping, das wir z.B. in Lehrveranstaltungen an der Uni oft einsetzen und auch bei geeigneten Themen zur Klausurvorbereitung empfehlen (siehe auch meine Antwort oben). Es gäbe natürlich noch unzählige andere Techniken, wir haben nur eine Auswahl getroffen: Wichtig war uns, Methoden zu finden, die – wie weiter oben schon angemerkt – ein grundlegendes Prinzip treffen. Viele Methoden entpuppen sich nämlich bei genauerem Hinsehen als mehr der weniger große Abwandlungen anderer Methoden, was dann keinen allzu großen Mehrwert schafft. Rein das Gedächtnis zu trainieren, ist nicht so sehr das Ziel von PWM: Wir haben bei Nutzung dieses Begriffs schon relativ eindeutig Tätigkeiten in Organisationen im Blick, die zunehmend in Richtung „Wissensarbeit“ gehen(zum Thema Wissensarbeit siehe z.B. hier: http://www.agiimc.de/isearch/dgi_publications.nsf/523f8badde1b869dc125725a006e79cb/f471fcef292c1baac12573ea003769ed?OpenDocument] – als Volltext online zugänglich). Diese Kontextfokussierung schließt einige Methoden eher aus. Von daher würde ich PWM in Schulen auch nicht unter diesem Begriff (PWM) einführen. Die dahinter liegende Idee aber, nämlich besser mit der Vielzahl an Informationen um einen herum klar zu kommen und bewusster Informationen zu rezipieren sowie zu lernen, auch selbst eigenes Wissen öffentlich zu machen, hat auch in Bildungsinstitutionen seinen Platz.
Fazit
Mit Schlagworten und Begriffen, ist es manchmal so eine Sache: manche sind inhaltlich komplex, aber auch voraussetzungsreich (wie Selbstorganisation), andere bündeln metaphorisch gut eine neue Entwicklung (z.B. Web 2.0) und wieder andere sind ein Kompromiss aus aussagekräftigen Konzepten und langsam sich etablierenden Richtungen einerseits und für bestimmte Zielgruppen attraktive Bezeichnungen andererseits (wie Wissensmanagement). Von daher sind auch fundierte Modelle im Hintergrund wichtig und ich denke, es ist eine Frage, ob und wenn ja welche, dieser Modelle man akzeptieren kann, für nachvollziehbar und praktisch relevant hält und sie dann als Basis für konkrete Methoden nutzt (ich hoffe, unser PWM-Modell geht in diese Richtung). Wie man das dann konkret nennt, ist eine andere Sache und hängt von verschiedenen Faktoren (auch vom Kontext) ab.
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